Das Zeitalter Napoleons, das Jahr 1813 und die Völkerschlacht bei Leipzig

Nach dem gescheiterten Russlandfeldzug (1812) hatte Napoleon Anfang 1813 eine neue Armee aufgestellt. Preußen schlug sich im Februar 1813 offiziell auf die Seite Russlands. Im Sommer 1813 traten England, Schweden und Österreich der antinapoleonischen Koalition bei. Das Königreich Sachsen - mit Napoleon verbündet - wurde das gesamte Jahr 1813 über zum Kriegssschauplatz.   
Markkleeberg, Borna, Pegau, Rochlitz, Rötha, Wurzen, Düben, Delitzsch, Halle, Großgörschen, Weißenfels, Naumburg, Freyburg – beliebig viele Orte ließen sich nennen, die von den Feldzügen des Jahres 1813 betroffen waren. Verwüstete, ausgeplünderte oder im Zuge direkter Kampfhandlungen zerstörte Dörfer begannen das Landschaftsbild zu prägen. Das Antlitz Kranker und Verwundeter war allgegenwärtig. Viele Städte hatten permanent Einquartierungen zu ertragen.

"Eine viel schlimmere, als die im 7jährigen Kriege verlebte Zeit, brach mit Napoleon`s Emporschwingen auf den französischen Thron über Rochlitz herein. Schon in den Jahren 1805 und 1806 wurden bedeutende preußische und badensche Truppenmassen theils hier einquartiert, theils durch dirigirt. 1808 rückten wieder 12-13.000 Mann Franzosen, die aus Schlesien nach Spanien marschirten, hier durch. 1809 rückte die ganze sächsische Armee auf ihrem Marsche nach der Donau, wie auch französische, westphälische und holländische Truppen hier durch. Ebenso in den Jahren 1810 und 1811 war unser Rochlitz fortwährend mit Einquartierungen der verschiedensten Truppen geplagt. Doch das eigentliche Elend, mit fast nicht zu erschwingenden Opfern, brachten erst die nächsten Jahre, wo in Rochlitz, als Etappenort, fast alle durchziehenden Truppen Quartier nahmen.
Im Jahre 1812, wo der Krieg mit Rußland entbrannte, waren es meist Franzosen, Bayern und Italiener, welche auf ihrem Marsche nach Rußland hier Quartier nahmen, während im nächsten Jahre auch Russen, Preußen, Österreicher hier vielfach einrückten. Im März 1813 allein waren einquartiert 12 Generale, 129 Stabs-Offiziere, 749 Subalternoffiziere und 12.725 Unteroffiziere und Gemeine. Vom 7.-12. April befand sich Blücher`s Hauptquartier und die königl. Prinzen in unserer Stadt. Vom 12. April bis 3. Mai hatte die Stadt ununterbrochen russische und preußische Einquartierung. Am 4. und 5. Mai befanden sich hier 4 russische Hauptquartiere mit ca. 1.000 Offizieren und einer Masse Soldaten. Vom 6.-9. Mai waren wieder französische und italienische Truppen da. Vom 10. Mai bis 28.August waren nur allein in der Stadt einquartiert (die Bivouac bei der Stadt nicht gerechnet): 23 Generale, 489 Stabs-Offiziere, 3.168 Offiziere und 45.182 Gemeine.        
Darauf wurde Rochlitz wieder von Russen und Österreichern besetzt, bis zum 27. Septbr., wo General Ominsky mit der Avantgarde des Warschau`schen Armeecorps hier eintraf, dem dann Poniatowski mit dem ganzen Armeecorps, sowie der König von Neapel, General en Chef Graf Lauriston und Marschall Victor mit mehreren französischen Armeecorps folgten, die sich hier bis zum 10. October aufhielten. Darauf rückte der östereichische General Baumgarten mit seiner Avantgarde hier ein und blieb einige Tage. Nun folgte fortwährend Einquartierung, besonders russischer Truppen, welche auch 1814, 1815-17 auf ihrem Wege nach und von Frankreich unser Rochlitz stets passirten.
Vom April 1813 bis September 1814 hatte Rochlitz im Ganzen in Quartier: 185 Generale, 350 Obersten, 141 Oberstlieutenants, 1.098 Stabs-Offiziere, 12.534 Subaltern-Offiziere und 152.521 Unteroffiziere und Gemeine.
Die dadurch entstandenen Schulden der Stadt beliefen sich auf 19.357 Thlr. 1 Gr. 10 Pf.
Zu all diesen Lasten kam nun noch öfter die Besorgnis, die Stadt durch ein Gefecht zerstört zu sehen, doch blieb es hier glücklicherweise bei der Besorgniß, ohne daß dieselbe sich verwirklicht hätte.
Ein anderer Uebelstand war aber der, daß durch die vielen hier untergebrachten Kranken sich Nerven- und Lazarethfieber verbreiteten.
Im März 1813 passirten die Reste der Bayerschen Armee, aus Rußland kommend, unsere Stadt, und da es fast lauter Kranke waren, so sah man sich genöthigt, sie in der Hospitalkirche unterzubringen. In einer einzigen Woche kamen hier circa 1.000 Kranke durch. Als sich nun der Krieg mehr nach Sachsen zog, diente die Kirche immerfort zur Unterbringung Kranker und Gefangener, und nach der Schlacht bei Leipzig faßte das Hospital und die Kirche die Verwundeten und Kranken nicht mehr, so daß das Schießhaus und 2 Bürgerhäuser noch damit gefüllt werden mußten.
Die Zahl der in diesem Jahre hier gestorbenen Russen, Österreicher, Bayern, Preußen und anderer Deutscher belief sich auf 231 Mann.
Die Noth, welche dieser Krieg über Rochlitz gebracht, war größer als je vorher. Um nur die ewigen Lieferungen an Soldaten los zu werden, da sie selbst kaum noch zu essen hatten, trugen viele sonst wohlhabende Bürger den Schlüssel ihrer Häuser auf`s Rathhaus, als Zeichen, daß sie ihre Häuser dem Rathe gegen Erlaß der Einquartierungen überlieferten. Eine völlige Muthlosigkeit hatte die meisten befallen, und lange Jahre des Friedens nur konnte wieder aufbauen, was der Krieg in kurzer Zeit zerstört."                
(Aus: Friedrich Bode: Chronik der Stadt Rochlitz und Umgegend. Verlag von Friedrich Bode, Rochlitz 1865. S. 129-131)       
 

Im Oktober 1813 konzentrierten sich alle Truppenbewegungen auf die Leipziger Region. Uniformen, Pulverdampf und Biwakfeuer prägten das Bild der Stadt Leipzig sowie der umliegenden Dörfer und Städte. Das Aufklärungsgefecht bei Liebertwolkwitz am 14. Oktober war der Prolog zum großen Sterben. Zwei Tage später begann die Völkerschlacht bei Leipzig. Mit dieser Bezeichnung sind die Gefechte zwischen dem 16. und 19. Oktober 1813 in die Geschichtsbücher eingegangen.
500.000 Soldaten standen sich in einer der größten und blutigsten Schlachten der Weltgeschichte auf den Leipziger Fluren gegenüber. An die zweitausend Kanonen und eine Vielzahl von Gewehren verschickten ihre tödliche Ladung. Die Bilanz der verbissen geführten Kämpfe war erschreckend: Heerscharen von Verwundeten lagen wimmernd, stöhnend, schreiend und mit dem Tode ringend in Leipzig und auf den Feldern rund um die Stadt. Letztlich fand jeder Fünfte den Tod oder erlag später seinen Verwundungen. Nach der Schlacht wurden zudem tausende Zivilisten durch ausbrechende Seuchen dahingerafft. Monate sollten vergehen, bis alle Opfer begraben waren.

Napoleon musste sich in der Völkerschlacht der Allianz aus Preussen, Russland, Österreich, Schweden und England geschlagen geben. Aber er hatte mehr als nur eine Schlacht verloren: die erlittenen militärischen Verluste waren nicht zu ersetzen, der Rheinbund löste sich endgültig auf. Das Königreich Sachsen, bis zuletzt mit Napoleon verbündet, war ebenfalls besiegt und büßte durch die Beschlüsse des Wiener Kongresses 1815 die Hälfte seines Territoriums und seiner Bevölkerung ein. Für Napoleon bedeutete die Niederlage von Leipzig das Ende seiner Herrschaft über Europa.

Napoleon Bonaparte I. – seit 1804 Kaiser der Franzosen – hatte für mehr als ein Jahrzehnt die Geschicke Europas bestimmt. Nach der vernichtenden Niederlage von Waterloo (18. Juni 1815) wurde er endgültig auf die Insel Sankt Helena in die Verbannung geschickt. Damit fand bereits vor seinem Tod am 5. Mai 1821 eine bedeutende Epoche mit zahlreichen politischen, wissenschaftlichen und militärischen Veränderungen ihr Ende. Neben den fortschrittlichen Ideen der Französischen Revolution, dem von Napoleon eingeführten Code Civil - der Grundlage unseres heutigen Bürgerlichen Gesetzbuches - und seinem Ägyptenfeldzug, der in Europa eine Begeisterungs- und Forschungswelle für den Orient auslöste, brachte das Napoleonische Zeitalter vor allem Krieg mit all seinen Schrecknissen. Hunderte Schlachten, Gefechte und Scharmützel bedeuteten für Soldaten und Zivilisten millionenfach den Tod – so eben auch in und um Leipzig.

Text: Michél Kothe


weiterführende Informationen:
Forschungsprojekt des Instituts für Romanistik der TU Dresden: "Frankreich in Sachsen"
Teilthema: "Napoleon in Sachsen" - mehr unter www.napoleon.de.be