Das große Europa-Biwak
Die Völkerschlacht bei Leipzig findet jedes Jahr aufs Neue statt, nur weitaus friedlicher.
Zelte aus einfachem Leinenstoff, darin Strohballen und Wollsachen - das schreckt mitten im kühlen Oktober 2007 richtige Enthusiasten nicht. Michél Kothe und seine Frau Anja etwa wärmen sich am lauschigen Lagerfeuer im Biwak, in dem sich die Völkerscharen in historisch korrekten Uniformen der Preussen, Sachsen, Franzosen tummeln. "Es gibt nichts Schöneres, als sich hier mit Gleichgesinnten aus ganz Europa zu treffen, auch wenn es kühl ist", sagt der studierte Politikwissenschaftler, der erhebliche Teile seiner Freizeit im "Verband Jahrfeier Völkerschlacht bei Leipzig 1813 e.V." verbringt.
Nur zwei Stunden Gefecht
Jedes Jahr im Oktober gibt es für das Paar nur eines: das große Biwak am Dölitzer Torhaus. In jenem Rittergut im Süden der Stadt trafen am 16. Oktober 1813 die mit Napoleon verbündeten Polen auf die Östereicher. Heute sitzen die Uniformträger aus den beiden Lagern friedlich nebeneinander, nicht einmal das Hauptquartier des Franzosenvereins, in dem sich eine große Trikolore, Säbel und Napoleonbüste finden, steht in Gefahr, geplündert zu werden. "Es ist völlig egal, wer welche Uniform trägt, nur in den zwei Stunden, wenn wir am Sonnabend auf dem Gefechtsfeld die Schlacht nachstellen, da gibt es Sieger und Besiegte", sagt Kothe, der als Preuße aufmarschiert, während seine Frau meist als Marketenderin unterwegs ist, und nur während der Schlachtszene kurz in eine soldatische Männer-Rolle schlüpft.
Rund 800 Leute reisen in diesem Jahr nach Leipzig an, die meisten aus Sachsen und Brandenburg, aber auch viele aus Polen und Tschechien. Aus Österreich werden noch Dragoner hinzustoßen. "Zu den runden Jahrestagen kommen auch Franzosen, Schweden, sogar aus den USA und Australien melden sich dann Vereine an", sagt Kothe, der selbst mit seinen Vereinsfreunden im Sommer jeweils rund ein halbes Dutzend Biwaks bereist.
Es sei nicht die Lust am Kriegspielen, sondern das Interesse an Geschichte und dem Leben vor 200 Jahren, sagen die Freizeitsoldaten. Deshalb werde für einige Tage soweit wie möglich unter authentischen Verhältnissen gelebt. Nur das Wasser ist natürlich sauberer als damals, und das Bier wird nicht selbst gebraut. Der Rauch der Musketen und das Knallen der Kanonenschüsse nimmt nur den kleinsten Teil der Zeit ein, wichtiger sei das Markttreiben und Fachsimpeln, berichtet der junge Preuße, der natürlich ein Sachse ist und schon vor vielen Jahren durch seine Eltern in den Verein gelangt ist.
2013, wenn Leipzig das große Jubiläum der Völkerschlacht feiert, werde alles noch eine Nummer größer, wobei die Programmplanung gerade erst begonnen hat.
Noch unklar ist, inwieweit sich die Stadt oder auch der Freistaat finanziell beteiligen. Die Vereine, die für das normale Jahresspektakel 5000 Euro mühsam zusammenkratzen, können es allein sicher nicht. Immerhin, Leipzig hat eben weitere Millionen für die Fortführung der Sanierung des Völkerschlachtdenkmals bereitgestellt. Und Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) ließ sich zu einer Podiumsdiskussion anlocken. Das lässt hoffen. "Naja, abreißen können wir den Klotz nun mal nicht ...", hatte Milbbradt an diesem Abend gescherzt. Aber ins rechte Licht setzen schon.
Autor: Manfred Schulze, Leipzig

